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Um Lichtjahre voraus - Entsorgungswirtschaft und Umwelttechnologie im transatlantischen Vergleich

Es war sicher ein Novum in der US-Verbandsgeschichte - und des BDE: Gleich zwei US-Präsidenten machten der Entsorga-Enteco 2006 als VIPs ihre Aufwartung - und werteten den internationalen Anspruch der Messe damit gleichzeitig auf. Die äußerst positiven Eindrücke von der Messe könnten in den noch "unterentwickelten" USA im Abfallwirtschafts- und speziell Recyclingbereich gerade für deutsche Anbieter eine positive Wirkung erzielen.
18.11.2006 "Hier sehen wir so viel an hoch entwickelter Umwelttechnologie, Fahrzeugen, Prozesstechnik - Deutschland ist den USA um Lichtjahre voraus," schwärmte Bruce J. Parker, Präsident und CEO von EIA (Environmental Industry Associations), des größten Verbandes der privaten US-Entsorgungswirtschaft, ganz offen beim ersten Kölner Messebesuch gegenüber dem ENTSORGA-Magazin.

Und Andrew H. Quigley, internationaler Präsident des eher kommunal orientierten Verbandes SWANA (Solid Waste Association of North America), stand Parker in seiner Bilanz um nichts nach: Deutschland, das doch nur in etwa die Größe des US-Bundesstaates Texas besäße, habe ihn mit dieser hervorragenden Messe und dem Gedankenaustausch mit verschiedenen Firmen und Interessenvertretern "ganz stark beeindruckt", sagte Quigley.

Schon vor der Abreise aus den USA hatten sich beide US-Verbandschefs wissbegierig gezeigt, was ihre erste Messe-Reise nach Deutschland auf BDE-Einladung mit Ziel eines längerfristigeren Austauschs anging. So hatte Parker offen die Frage gestellt, warum es in den USA einfach nicht mehr deutsche Anbieter im Fahrzeugbereich gäbe. Zusätzlich wollten beide Präsidenten vor Ort vor allem das deutsche Recyclingsystem unter die Lupe nehmen, "lernen und übertragen, was übertragbar sein könnte", hatte SWANA-Präsident Quigley betont.

Dass sich in Deutschland auch wirklich Bewohner von Miethäusern die Mühe machten, Glas, Papier und Kartonagen zu "horten" und dann auch - wie in Köln gesehen - zu Fuß zu Wertstoff-Sammelcontainern zu bringen, wollten beide zunächst nicht glauben. "Dieses Land mit seinem Recyclingprogramm ist einfach eine Besonderheit", sagte Quigley dann auch nach Gesprächen mit Vertretern des Dualen Systems Der Grüner Punkt. Parker hob jedoch hervor, dass besonders die USA mit einem landesweiten Recyclingdurchschnitt von erst gut 30 Prozent politisch viel föderaler als Deutschland oder die EU geprägt seinen. "Wir haben 50 kleine Kaiserreiche", meinte er in Anspielung auf die Stärke der einzelnen US-Bundesstaaten gegenüber der Washingtoner Bundesregierung, die nur wenige allgemeingültige Gesetzesvorgaben in der Umweltpolitik macht.

Europa mit seinen neuen Elektronikschrott-Rücknahmeregelungen stießen ebenfalls auf großes Interesse. "Schließlich wollen US-amerikanische Hersteller im Computerbereich auch in die EU liefern und müssen sich so bei ihren Produkten auf deren Gesetzesvorgaben einstellen", so Quigley.
 
Ständige Vergleiche zogen sich dann auch wie ein roter Faden durch den gesamten Messebesuch. Während des dicht gestrickten Programms gab es vielen Einzelgespräche bei den Ausstellern, um sich einen Überblick über das Fahrzeugangebot und neueste Wiege- und Identsysteme zu verschaffen. Parker: "Das ist bei uns jetzt gerade im Kommen. Das wollen alle großen Entsorger einführen". Auch andere führende Umwelttechnologie und die Prozesstechnik im Recycling-Anlagenbau mit der Besichtigung einer Hausmüllsortieranlage nahe Köln sowie ein direkter Austausch mit der BDE-Spitze und der KölnMesse-Geschäftsführung gehörten zum Besuchsprogramm.

Schließlich sieht nicht nur Quigley gute Chancen für eine Ausweitung von Recyclingvorhaben in den USA - gekoppelt mit einem allgemein steigenden "grünen" Bewusstsein um den Wert einer auf nordamerikanische Bedürfnisse zugeschnittenen Kreislaufwirtschaft sowie erneuerbarer Energien. Selbst US-Präsident George W. Bush hatte erst kürzlich betont, dass die US-Abhängigkeit von ausländischem Öl "aus Regionen der Welt, die uns einfach nicht (mögen), unsere Fähigkeit zu wachsen gefährden" Ethanol und Biodiesel aus Mais, aber auch andere "grüne" Energieträger sind derzeit stark im Gespräch - und werden auch je nach Region durchaus schon gefördert.

Zwar hatte EIA-Chef Parker auf dem BDE-Kongress "Neue Märkte für die Entsorgungs- und Wasserwirtschaft: China und Co." bekannt, dass die USA noch immer eine Deponiegesellschaft sei und es auch auf absehbare Zeit bliebe. "Es ist einfach eine Frage des Preises", so Parker. Und natürlich auch des Profits für seine Entsorger-Mitgliedschaft. Schließlich hätten vor allem die großen Branchenführer "Unmengen an Kapital" in den Kauf und Ausbau von riesigen "mega landfills" gesteckt, so Parker.

Der Präsident des privaten Entsorgungswirtschaftsverbandes zeigte sich dann auch letztlich gar nicht überrascht, dass amerikanische "Private Equity"-Firmen wie Blackstone/Apax (Sulo) oder KKR (DSD) in Deutschland Unternehmen aufkauften. "Müll ist immer ein großes Geschäft, und es fließt viel an ´Private Equity´-Vermögen um den Globus", so Parker.
 
Trotz aller derzeitigen Unterschiede im transatlantischen Entsorgungs- und Umwelttechnologiebereich gaben beide Präsidenten aber auch an, dass der Zug in "Richtung Fortschritt" im Recyclingbereich selbst in Nordamerika letztlich nicht aufzuhalten sei; das sei nur eine Frage der Zeit und des Ölpreises. Wie schon beim Wettlauf zum Mond oder im Kalten Krieg bräuchten die USA "meist eine Krise, um neue Technologien und deren Einsatz schnell voranzutreiben", sagte Parker und fügte hinzu: "Jetzt, wo der Kalte Krieg vorbei ist, haben wir die Auseinandersetzung um globale Ressourcen". Und diese spitze sich immer weiter zu.
 
Zusatzinformation:
Der EIA (Environmental Industry Associations) ist der Dachverband der privaten US-Entsorgungswirtschaft mit zwei Unterverbänden, der eher technologielastigen WASTEC mit rund 400 Mitgliedern und der NSWMA (National Solid Wastes Association), der rd. 300 private "hauler" (Sammlung, Transport) angehören. Bruce J. Parker, steht seit 18 Jahren als Präsident und CEO dem Gesamtverband vor. Größte Messe ist die "Waste Expo", die alljährlich im Mai in Atlanta/Georgia stattfindet.
 
Die SWANA (Solid Waste Association of North America) ist mit mehr als 8.000 Mitgliedern aus den USA und Kanada der größte nordamerikanische Abfallwirtschaftsverband, der eher kommunale Interessen vertritt. Andrew H. Quigley, scheidender internationaler Präsident, leitet im "privaten" Berufleben die Geschicke von rund 39 Kommunen und des Lake County Kreises in der Nähe von Chicago/Illinois. Größte Messe ist die Wastecon, die jährlich meist im Herbst stattfindet.

Unternehmen, Behörden + Verbände: BDE, Environmental Industry Associations (EIA), Solid Waste Association of North America (SWANA), Blackstone/Apax, KKR (DSD)
Autorenhinweis: Anke Wienand, Karl Ambratis


Autor: Anke Wienand, Vice President & CEO Europe Karl-Wilhelm Ambratis 
 
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