Montag, 11.12.2017
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Röntgenkontrastmittel im Wasser

Mit dem frisch gestarteten Modellprojekt MERK’MAL will ein Kooperationsverbund unter Federführung des IWW Zentrum Wasser das Vorkommen des Stoffes in der Ruhr verringern

Mit einer Auftaktveranstaltung im Aquatorium der RWW-Ruhrwasserwerke erfolgte Anfang März der Startschuss zu einem ungewöhnlichen Modellprojekt: MERK’MAL soll das Vorkommen von Röntgenkontrastmitteln im Wasserkreislauf reduzieren. Im Fokus stehen dabei Patienten, die im Rahmen radiologischer Untersuchungen Röntgenkontrastmittel zu sich nehmen. Sie sollen im Erfassungszeitraum von Juni bis Oktober 2017 in den ersten 24 Stunden nach der Untersuchung beim Toilettengang Urinbeutel verwenden. Die Beutel können anschließend im normalen Hausmüll entsorgt werden – die Kontrastmittel gelangen dann nicht mehr ins Abwasser.

Die Leitung hat das Mülheimer Wasserforschungsinstitut IWW Zentrum Wasser. Als Partner nehmen das Evangelische Krankenhaus und das katholische St. Marien-Hospital, das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) sowie die Radiologische Gemeinschaftspraxis in Mülheim teil. Dort erhalten die Patienten bei der Untersuchung alle erforderlichen Informationen und dort bekommen sie auch die Urinbeutel ausgehändigt. Ärzte und Pflegepersonal wissen, wer wann wo wieviel Kontrastmittel eingenommen hat. Jeder radiologisch untersuchte Patient kann mitmachen und so helfen, die Wasserqualität zu verbessern. Das setzt lediglich die Bereitschaft voraus, für eine überschaubare Zeit einen Urinbeutel zu nutzen.

Im Projekttitel steckt die Abkürzung RKM. RKM steht für Röntgenkontrastmittel – chemische Substanzen, die in der medizinischen Diagnostik flächendeckend eingesetzt werden. Vor einer Untersuchung nehmen Patienten RKM zu sich und scheiden den größten Teil innerhalb von 24 Stunden mit dem Urin wieder aus. In Kläranlagen werden jedoch nur geringe Mengen der RKM entfernt. Die Chemikalien gelangen also in den Wasserkreislauf. Da sie nur schwer biologisch abbaubar sind, reichern sie sich in unseren Gewässern zunehmend an. Messergebnisse an der Ruhr belegen das.

Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft haben RKM keine schädliche Wirkung auf Mensch oder Umwelt. Sie sind nicht toxisch. Auch eine Anreicherung in Lebewesen ist nicht bekannt. Allerdings werden RKM durch Wasser gut transportiert. Sie sind ein Beispiel für menschengemachte Chemikalien, die im Wasser nahezu überall gefunden werden. In Spuren sogar im Trinkwasser, worüber sie auch in Nahrungsmittel gelangen. Es ist davon auszugehen, dass sich Röntgenkontrastmittel ohne konkrete Gegenmaßnahmen weiter in den Oberflächengewässern anreichern werden. An diesem Punkt setzt MERK’MAL an.

Am besten ist es, wenn das Röntgenkontrastmittel gar nicht erst in den Wasserkreislauf gelangt. Dazu sollen die Patienten nach einer Untersuchung vorübergehend Urinbeutel benutzen. Die Beutel enthalten ein spezielles Mittel, das den Urin in eine gelartige Masse verwandelt – aus flüssig wird fest. Der Beutel kann dann ganz einfach im Hausmüll entsorgt und in der Müllverbrennung rückstandslos vernichtet oder einem Recyclingverfahren zugeführt werden. Jeder radiologisch untersuchte Patient kann mitmachen und so die Wasserqualität verbessern.

Das Projekt wird durch Experten des IWW Zentrum Wasser und des Instituts für Energie- und Umwelttechnik (IUTA) wissenschaftlich begleitet, die regelmäßige Kontrollen des Wassers durchführen. Die Patienten können ihre Erfahrungen über eine Feedback-Abfrage einbringen. Aus der Auswertung ziehen die Projektträger Lehren für eine etwaige Ausweitung des Projektes und erstellen eine detaillierte Kostenermittlung für eine flächendeckende Anwendung der Urinbeutel.

Verläuft das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderte Modellprojekt erfolgreich, könnte es in einer zweiten Phase auf den gesamten Einzugsbereich der Trinkwassergewinnung an der Ruhr ausgeweitet werden. Das Mülheimer Projekt könnte so die Vorlage für neue Ansätze zur Verhinderung des Eintrags von Stoffen in den Wasserkreislauf liefern. Es leistet einen wertvollen Beitrag zum Schutz der kostbaren Ressource Wasser im Ruhrgebiet.

Die Ruhr mit ihrem Einzugsgebiet dient fast fünf Millionen Menschen als Naherholungs- und Freizeitregion und stellt die Trinkwasserversorgung für den Ballungsraum Ruhrgebiet sicher. Dichte Besiedlung, Industrie und Landwirtschaft setzen dem Fluss zu. Zwar haben die Anstrengungen der vergangenen Jahrzehnte zu einer deutlichen Verbesserung der Wasserqualität geführt, doch das Auftreten neuer Spurenstoffe hat in der Bevölkerung Besorgnis über die Qualität ihres Trinkwassers hervorgerufen. Die Belastung mit Röntgenkontrastmitteln wird seit dem Jahr 2005 erfasst. Dabei wurden mit dem Flussverlauf zunehmende Konzentrationen von RKM im Ruhrwasser nachgewiesen. Ein Beispiel: Im Rohwasser des Wasserwerks Mülheim Styrum-Ost werden, abhängig von der Wasserführung der Ruhr, Maximalkonzentrationen von mehr als drei Mikrogramm pro Liter dokumentiert. Damit werden die langfristigen Qualitätsziele für Oberflächengewässer von einem Mikrogramm pro Liter für mikrobiell schwer abbaubare Stoffe deutlich überschritten.

Quelle: IWW Rheinisch-Westfälisches Institut für Wasserforschung gGmbH
www.iww-online.de



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